UteGlaser                                                                                                                                                E-Mail                    
Journalistin

 

Freitag, 5. November 2004  (und am Samstag, 6. November 2004, in der Ausgabe Oberberg)

Koelner Stadt-Anzeiger online - www.ksta.de

TIT_Rheinberg.gif   

"Kifa" und fast 40 weitere Kinder

Ein ungewöhnlicher Verein startete in Bensberg und schenkt seit über zehn Jahren Kindern in der Region ein neues Zuhause.

Von Ute Glaser

Bergisches Land – Wenn Marie-Luise Schmidt von „ihren“ Kindern erzählt, dann ist das ein buntes Völkchen: ihre leibliche Tochter und die zehn Pflegesprösslinge, die sie mit Mann Günter in Bensberg großzog, sowie die 27 Kinder, die ihr Verein „KiFa – Kinderhaus- und Familienpädagogik“ binnen zwölf Jahren betreut hat. „Ihr“ Verein ist es, weil die 67-Jährige lange gekämpft hat, um ihn zu gründen und ein Erziehungsmodell jenseits üblicher Heimvorstellungen zu realisieren. Sie wollte, dass Heimkinder ein familiäres Zuhause bekommen.

            Das Konzept ist im Grunde einfach: Auf der einen Seite stehen Heimkinder, die Geborgenheit brauchen. Auf der anderen Seite stehen KiFa-Fachpaare, die Familienleben bieten möchten. Vor allem weil sie Kinder lieben, aber auch weil sie in den eigenen vier Wänden berufstätig sein möchten. Denn Marie-Luise Schmidt hat durchgesetzt, dass die Jugendämter im Rheinland bei Aufnahme eines Kindes neben den Lebenshaltungskosten auch ein Gehalt bezahlt. Voraussetzung: Ein Elternteil muss pädagogisch qualifiziert sein – als Lehrer, Erzieher oder Sozialarbeiter. Derzeit machen 14 Paare in Bonn, Solingen, im Rheinisch-Bergischen, Oberbergischen und Rhein-Sieg-Kreis sowie in der Eifel mit. Aufnehmen können sie maximal drei Kinder, meistens haben sie auch leiblichen Nachwuchs.

„Auffällig sind fast alle Kinder, wenn sie kommen“, sagt Marie-Luise Schmidt, die bei Bastei-Lübbe das Buch „Wie Bäume ohne Wurzeln“ über ihre Familienerfahrungen schrieb und längst mit dem Bundesverdienstkreuz für ihre unbezahlbaren Verdienste um die Gesellschaft geehrt wurde. Die Kinder stehlen, nehmen Drogen, lügen oder sind Meister im Regelnbrechen, viele wurden sexuell misshandelt. „Sie haben nur gelernt: Ich kriege nichts.“ Manche würden selbst nach fünf Jahren noch Butterbrote in einer Schrankecke horten. Wenn KiFa ihnen in einer Familie eine neue Chance gibt, sind sie 0 bis 6 Jahre alt. „Die formelle Verantwortung endet mit 18 bis 21 Jahren. Aber die moralische Verantwortung bleibt ein Leben lang.“ Durch 24-Stunden-Kontaktstelle, monatliche Supervision und Fortbildungen erhalten die Facheltern von KiFa Unterstützung. Mitmachen ist Pflicht.

Die enge Familienbindung trägt Früchte. Zum Beispiel bei Martin (Name geändert). Als er in eine KiFa-Familie kam, war er elf und Sonderschüler. Auf Fotos wirkt er ein bisschen geistig behindert. „Für diesen Jungen hat man keinen Pfifferling gegeben“, sagt Marie-Luise Schmidt. Inzwischen ist Martin 17, hat den Hauptschulabschluss und einen Ausbildungsplatz in der Tasche. Ähnliches erzählt sie von Sven und Marie. Im dicken Fotoalbum sind sie alle drin, die Bilder sind verblüffend. „Man sieht, wie sich die Gesichter entwickeln.“ Viele Jugendliche sind inzwischen mit der Schule fertig, etliche haben Arbeit, manche schon Familie.

Diese Fotos waren es, die Gaby Liebmann überzeugten, als Marie-Luise Schmidt – inzwischen 21-fache Oma – eine Nachfolgerin suchte. „Es gibt Kinder, die haben Jugendhilfegesichter, wie ich das nenne“, sagt sie aufgrund ihrer Berufspraxis in Heimen. „Aber wenn sie eine enge Bindung haben, verändern sich der Blick und die Ausstrahlung.“ Genau das habe sie an KiFa beeindruckt. Deshalb übernahm die 33-Jährige aus dem oberbergischen Nümbrecht kürzlich von der 67-jährigen Gründerin die Leitung der Einrichtung und die Geschäftsführung des Vereins mit Sitz in Bonn. Marie-Luise Schmidt, seit vier Jahren Bonnerin, bleibt im Vorstand für Eltern und Kinder ansprechbar. „Man lebt mit ihnen, denkt mit ihnen. Es ist ganzheitlich.“ Ganz nebenbei hat sie durch das revolutionäre dezentrale Heim-Konzept, bei dem KiFa für die autonom arbeitenden Familien eine Art Dachverband ist, 20 Arbeitsplätze geschaffen. Aber Kinder, die ein Zuhause brauchen, wachsen ständig nach. Deshalb freut sich KiFa über alle, die sich in der Geschäftsstelle  melden, weil sie gerne Eltern werden möchten.

Informationen: Telefon (02 28) 926 87 85

^

 
Zurück zu: Archiv   Text-Archiv 2004   Aktuelles